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Nachruf Prof.Dr.Christian Bonte-Friedheim

06. 01. 2021

Nachruf Prof. hc. Dr. Christian Bonte-Friedheim

Selbst in der Zeit als er zu den einflussreichsten Landwirten der Welt gehörte, schien Prof. hc. Dr. Christian Bonte-Friedheim (19.8.1934-18.9.2020) oft dann am glücklichsten, wenn er selbst die Sense in der Hand hatte. Unter Kollegen ein Synonym für Tatkraft, war dieser Welternährungsexperte doch einer der ranghöchsten Deutschen unter den internationalen Beamten in der Nachkriegszeit. Nie jedoch hatte den tiefgläubigen Rechtsritter des Johanniterordens die Liebe zum Lande und zu der Landwirtschaft verlassen.

Seine Karriere hat der in eigener Sache eher zurückhaltende Prof. Bonte-Friedheim nur im Ausland verbracht, weswegen er vielleicht in Deutschland größerer Aufmerksamkeit entgangen ist. Der Sohn von Dr. Peter Friedheim (1902-1992) und Sybille Friedheim geb. von Lochow (1906-2007) ist in Neubrandenburg, Vorpommern und Berlin aufgewachsen. Landwirtschaft hat er zuerst gelernt und dann in Hohenheim, Bonn und Oregon USA studiert; die Promotion erfolgte an der Humboldt Universität in Berlin. Der Ruf ins Ausland begann mit einem Sommerpraktikum in England und seinen   Studienzeiten in den USA.

Die deutsche Entwicklungshilfe sandte ihn 1965 nach Nairobi, Kenia, wo er engster Berater des Agrarministers in der ersten Regierung nach Unabhängigkeit jenes Landes wurde. Die Jahre in Nairobi legten den Grundstein einer engen persönlichen und beruflichen Bindung an Afrika, die sein gesamtes Berufsleben anhielt. In diesem ersten Auslandposten wurde es allen um Prof. Bonte-Friedheim klar, wie sehr dieser Frischling unter den Entwicklungshelfern ein Weltbürger war. Freundschaften und Verbundenheit hat er zu Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern, seiner Zeit weit voraus über alle Nationalitätsgrenzen hinaus gepflegt.

1969 rief ihn die größte UN-Organisation, die Welternährungsorganisation FAO in ihr Hauptquartier nach Rom, Italien. Seine Expertisen und sein diplomatisches Fingerspitzengefühl waren 1967 dem FAO Director-General Addeke Boerma aufgefallen: eine entscheidende Kombination in den UN-Organisationen, wo per Satzung Experten aus allen Ländern arbeiten, und Sensibilitäten von Peking bis Bogota und von Rom bis Canberra zu beachten sind.

Warum hat Bonte-Friedheim sein Leben gerade der Entwicklungshilfe gewidmet? Darauf angesprochen, kam er oft auf seinen tiefen Glauben zurück und sprach von der Verantwortung gegenüber anderen, insbesondere den Hilfsbedürftigen auf dieser Welt. Diese tief empfundene christliche Triebkraft hatte familiäre Wurzeln und offenbarte sich schon in jungen Jahren: als Studentensprecher an der Universität Hohenheim hat er 1956 Hilfe für Flüchtlinge der ungarischen Revolution koordiniert.

Wie es Director General Boerma erahnte, hatte Bonte-Friedheim in der FAO einen einzigartigen Karrieregang. Beförderung folgte Beförderung: Afrika-Experte in der größten und wichtigsten Division der FAO, der Agricultural Operations Division, Afrika-Chef der Division, Chef der gesamten Division und dann Assistant Director General (ADG). Schlussendlich hat Director General Edoard Saouma Prof. Bonte-Friedheim gebeten, sein Stellvertreter zu werden: Deputy Director General, die Nummer 2 der mit Abstand größten UN-Organisation.

Traditionell sind die ADG-Posten und insbesondere Nr. 2 Positionen der UN-Organisationen politische Posten, die in langwierig verhandelten Reihenfolgen an verschiedene Länder gehen und von Regierungen bestimmt werden, nicht von der FAO selber. Bonte-Friedheim war der einzige Karriereexperte, der sich jemals intern zur Nummer 2 der FAO hochgearbeitet hat.

Laut Kollegen gelang ihm dies, weil er neben Sachverstand und Diplomatie hart arbeitete und schnell ein Gespür dafür entwickelte, unnötige Bürokratie oder Zeitverschwendung zu beseitigen, und so seine Teams, Divisionen und schlussendlich die gesamte FAO wirkungsvoller machte.

Ein Beispiel hierfür ist, als Prof. Bonte-Friedheim Ende der Achtziger Jahre die FAO wachrüttelte und eine nie dagewesene Kooperation zwischen Erzfeinden über drei Kontinente leitete und damit die Schraubwurmfliege, einen potentiell verheerenden lateinamerikanischen Parasit, der im Begriff war in Afrika Fuß zu fassen, unschädlich machte. Der Zwist: die Schraubwurmfliege (cochlyomia hominovorax auch bekannt als menschenfressende Fleischfliege) war mittels Viehtransport in Libyen angelangt, das infolge des Lockerbie-Attentats 1988 unter strengsten US-Sanktionen stand. Die einzige Technologie, der Schraubwurmfliege Herr zu werden, hatten just die Amerikaner entwickelt.

Auf Betreiben von Prof Bonte-Friedheim hat das UN-System es schließlich geschafft trotz der Sanktionen, in der Hälfte der veranschlagten Zeit und mit der Hälfte der erwarteten Kosten, den Schädling auszurotten. Ein in der Entwicklungshilfe äußerst ungewöhnlicher Erfolg.

Die Kampagne gegen die Schraubwurmfliege kombinierte das Beste der FAO und der Vereinten Nationen - zu nicht unerheblichem Anteil dank des nun nicht mehr Frischlings unter den Entwicklungshelfern, Prof. Bonte-Friedheim.

Nach Einschätzung von Kollegen war es in erster Linie die ungewöhnliche Tatkraft von Prof. Bonte-Friedheim in den 23 Jahren bei der FAO , die zu seiner außerordentliche Karriere im UN-System führte. Er legte eine im beruflichen wie im persönlichen Leben eine Sensibilität an den Tag, stets die Perspektive des Gegenübers beachtend und ein besonders Gespür dafür, wann und wo es anderen zwickte. Ein “Danke” floss ihm leicht von den Lippen. Den Ehren-Professortitel hat Prof. Bonte-Friedheim von der Universität Beijing erhalten, eine äußerst seltene Würdigung des Chinesischen Staates für seinen Beitrag zur landwirtschaftlichen Entwicklung.

So kam es nicht von ungefähr dass Prof. Bonte-Friedheim seit Gründung der Vereinten Nationen der erste Kandidat der Bundesregierung für einen Director-General Posten im UN-System war. Dies kam zu einer Zeit, in der Deutschland zwar hohe Beiträge an die UN-Organisationen zahlte, aber keine entsprechende Rolle im UN-System verlangte. In Absprache mit der Bundesregierung hat Prof. Bonte-Friedheim 1990 Rom verlassen, um seine Kandidatur für die Wahl des Director-Generals der FAO 1993 vorzubereiten, indem er Director von ISNAR (International Support for National Agricultural Research), einer Entwicklungsorganisation in Den Haag Holland wurde.

Die sieben-jährigen Wahlen zu DG Posten von UN Organisationen sind einzigartige, internationale Politik. Jedes Land hat eine Stimme, so müssen Regierungen auf alleroberster Ebene über Jahre hinweg die Werbetrommel rühren, Bündnisse schließen und allmögliche Schuldbriefe einlösen—wozu ein weltweit großzügiges Geberland Deutschland im Stande gewesen wäre. Als 1993 die Länder an die Urne gingen, sprachen viele afrikanische Länder ihre Stimmen Prof. Bonte-Friedheim zu. Trotzdessen schied Prof. Bonte-Friedheim im dritten Wahlgang aus.

So leitete Bonte-Friedheim bis zu seiner Pensionierung ISNAR, eine Organisation mit dem direkten Mandat, die Agrarforschung in Entwicklungsländern selbst zu fördern. Dort war er unter seinesgleichen: Entwicklungshelfer die ein jeder auf seine Weise langfristig die Welternährung vorantrieb.

Den christlichen Glauben praktizierte Prof. Bonte-Friedheim sein Leben lang, innerhalb und außerhalb der Kirche. In Nairobi war er Mitgründer der deutschen evangelischen Kirche. Er war in den siebziger und achtziger Jahren verantwortlich für UN-Angestellte in einigen der ärmsten und riskantesten Länder der Welt. So kamen viele herzzerreißende Hilferufe über seinen Schreibtisch, und er sah es als seine Verantwortung wo immer möglich zu helfen. Wie etwa der Westafrikanischen Agrarexpertin, die er inmitten einer Revolution samt Familie nach Rom rettete, oder aber dem Nahöstlichen Minister, der um Anstellung bat weil in seinem Lande die meisten Minister am Galgen endeten.

Als Vorstandsmitglied der deutschen evangelischen Kirche in Rom sorgte Prof. Bonte-Friedheim für einen historischen Moment. Während einer Audienz bei Papst Johannes Paul II stellte er ihm die Frage: “Your Holiness, would you accept an invitation to visit the German Evangelical church?” Dies führte 1983 zum ersten Besuch eines Papstes in einer evangelischen Kirche in der Kirchengeschichte und zu einem historischen ökumenischen Gottesdienst in dem Papst Johannes Paul II im Wechsel mit dem evangelischen Pfarrer predigte.

Während seiner 35-jährigen Karriere war Prof. Bonte-Friedheim in der Welt zuhause - im Ruhestand zog es ihn in die Heimat zurück, in den Hochschwarzwald und nach Berlin. In Berlin widmete er sich unter anderem der Restaurierung der  800 Jahre alten Nikolauskirche in Lübnitz, der Patronatskirche seiner Vorfahren mütterlicherseits, die das Landgut nebst Kirche seit dem Jahr 1600 bis zum zweiten Weltkrieg besaßen.

Er hat Gleichgesinnte zusammengebracht und mit ihnen zuerst einen Freundeskreis der Kirche Lübnitz und dann den Förderverein Bonte-Friedheim-Lochow e.V., nach dem Leitspruch des Hl. St. Nikolaus – Schenken-Teilen-Freude machen, ins Leben gerufen. Die Sanierung und Restaurierung der Nikolauskirche und der Guss einer neuen Glocke, für die im ersten Weltkrieg eingeschmolzenen Glocke, erfolgte 2009-2013. Wie es Superintendent Siegfried-Thomas Wisch beim Festgottesdienst 2013 ausdrückte: "Gott zum Ruhme, dem Dorf zur Ehre. Das Heilige soll wieder einen Raum haben.”

Prof. Bonte-Friedheim war über fünfzig Jahre mit Judy Bonte-Friedheim, geborene Coleman (1939-2015) verheiratet. Er hinterlässt drei Kinder, zwölf Enkel und Freunde auf allen Kontinenten. Sein Wunsch war es, neben seiner Judy im Friedhof der Nikolauskirche begraben zu werden.

Als Liebhaber der Poesie, zitierte er rückblickend folgende Zeilen des Lao Tse:

 Ich habe drei Schätze, die ich schätze und wahre.
  Der eine ist das Mitgefühl;
  der zweite ist die Genügsamkeit;
  der dritte ist der Wunsch, NICHT in allem und immer der erste sein zu wollen.

Sein Lebensmotto kann nicht verschleiern wie sehr dieser Sohn des Landes Brandenburg und Vorpommern eine Persönlichkeit auf Weltniveau darstellte. Viele haben zu danken, dass er seine Gaben lebenslang im Dienste der Welternährung stellte.

In einem Jahr voller Krisen, wäre er ganzen Herzens glücklich, dass die Schwesterorganisation der FAO, das ebenso in Rom ansässige World Food Program, den Nobelpreis gewonnen hat.

Dezember 2020 

Robert Bonte-Friedheim, Christine DeMont, Michael Bonte-Friedheim